DIE WELT DES ORTHODOXEN MÖNCHTUMS

Das Mönchtum in der orthodoxen Kirche ist eine getreue Fortsetzung des ursprünglichen mönchischen Lebens . Aber, man misst das orthodoxe Mönchtum immer wieder am abendländischen Mönchtum, an dessen großartigen Leistungen für Welt und Kirche. Vergessen wird jedoch, dass abendländisches, genauer, lateinisches Mönchtum seine Wurzeln im östlichen Mönchtum hat. Solche Grosstaten auf dem Gebiet der Kultur und der Kirchenpolitik hat das griechische Mönchtum nicht aufzuweisen, so sagt es der bedeutende Byzantinist Karl Holl. Hier sehen wir aber nur die Sicht eines "beschränkten" Lateiners. Die Sicht auch heutiger Menschen die Kirche und Kirchenleben auf Westeuropa bzw. Mitteleuropa konzentrieren. Die großen Kulturleistungen von Methodios und Kyrillos, für die slawischen Völker, eines Gorazd und Sava für den Balkan werden einfach nicht zur Kenntnis genommen. Die Schaffung eines Alphabets und der damit verbundener Literatur und Schriftsprache wird ignoriert. Auf die Tätigkeit eines hl. Seraphim von Radonesh, des hl. Seraphim von Sarow, des hl. Nil von Sorski, dem Vater des russischen Starzentums, wird nicht hingewiesen. Ja, die ganze Dichtkunst eines Gogol, Dostojevski und Tolstoj usw., die im Starzentum ihre geistigen und geistlichen Fundamente fanden, wird nicht als Kulturleistung gewürdigt.
(Archimandrit Theodor)
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I.
Nun, was ist aber Mönchtum, Mönch sein, orthodoxer Mönch sein? Was ist der Gedanke, den das Mönchtum verwirklichen will? In anschaulicher Weise schildert uns dieses die älteste Heiligenbiographie, nämlich "Das Leben hl. Antonios" vom hl. Athanasios, Bischof von Alexandrien, die um 365 geschrieben wurde. Antonios wurde im Jahre 251 in Ägypten als Sohn vermögender Eltern geboren. Hören wir also nun den Bericht wie es in der Lebensgeschichte aufgeschrieben wurde:
"Wieder besuchte er die Kirche und hörte im Evangelium den Herrn sprechen: "Sorget euch nicht um das Morgen" (Math. 6, 34), da brachte er es nicht über sich, länger zu warten, sondern er ging hinaus und gab auch den Rest seines Besitzes den Bedürftigen. Die Schwester vertraute er bekannten zuverlässigen Jungfrauen an und brachte sie in einem Jungfrauenhaus zur Erziehung unter, er selbst widmete sich von nun an vor seinem Hause der Askese (ca. 271), hatte acht auf sich (l. Tim. 4, 13-16) und hielt sich strenge. Denn es gab damals noch nicht so zahlreiche Mönchsgemeinschaften, und von der großen Wüste wusste der Mönch überhaupt nichts. Jeder der an seiner Vervollkommnung arbeiten wollte, übte sich darin nicht weit von seinem Heimatorte, und zwar allein. Nun lebte damals in dem nahen Bezirk ein alter Mann, der von Jugend auf ein Einsiedlerleben führte. Diesen sah Antonios und eiferte ihm im Guten nach (Gal. 4,18), damals fing er auch zuerst an, sich in der Umgebung des Dorfes aufzuhalten. Von hier wanderte, wenn er von einem trefflichen Manne hörte, zu diesem, suchte ihn auf wie eine kluge Biene, kehrte nicht eher an seinen Wohnsitz zurück, bis er ihn gesehen hatte und ging erst heim, nach dem er von ihm gleichsam eine Wegzehrung erhalten für seinen eigenen Pfad zur Tugend. Die Anfänge verlebte er hier und festigte seine Gesinnung, um nicht zu seinem elterlichen Besitz zurückzukehren, noch sich seinen Verwandten zu erinnern. Seine ganze Sehnsucht aber und seinen ganzen Eifer richtete er auf die Anspannung in der Askese. Dabei beschäftigte er sich mit Handarbeit, da er gehört hatte: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" (2.Thess. 3,10), einen Teil des Lohnes verbrauchte er für Brot, den anderen verwandte er für die Armen. Er betete beständig, da er gelernt hatte, dass man für sich allein unaufhörlich beten müsse (Math. 6,6 und 1), (Thess. 5,17)
Bei der Vorlesung der Schrift war er so aufmerksam, dass ihm kein Wort entfiel, vielmehr behielt er alles bei sich (Luk 8,15), und sein Gedächtnis ersetzte ihm so die Bücher" .
Dieses Tun hatte aber eine Vorgeschichte die wesentlich für den jungen Antonios war und auch für jeden Menschen heute ist, der ein monastisches Leben führen will. Es heißt dort in der Lebensgeschichte:
"In Gedanken betrat er das Gotteshaus, und es fügte sich, dass gerade das Evangelium vorgelesen wurde, und er hörte, wie der Herr zum Reichen sprach: "Wenn du vollkommen werden willst, wohlan, verkaufe all deine Habe, gib den Erlös den Armen, komm und folge mir nach, und du wirst einen Schatz im Himmel haben". (Math. 19,21)
Von Interesse ist vielleicht, dass schon zwanzig Jahre nach dem Tode des hl. Antonios (365) eine lateinische Übersetzung dieser Biographie, so um 376, in Trier bekannt war . Für Antonios ist die eigentliche und alleingültige Regel eben das Evangelium. Eine andere Regel für ein christliches Leben und damit auch für das asketisch mönchische Leben, kennt er nicht und will er nicht anerkennen. Derhl. Basilios der Grosse (geb. 330 in Caesarea-Kappadozien) ist ganz in der Denkweise des hl. Antonios, wenn er seine Lebensordnung und Lebensweise vorlegt. Sein ganzes Leben ist unter das Herrenwort gestellt; "Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir" (Math. 16,24). Nur mit diesem Wort glaubt Basilios dem einsamen Leben seinen Sinn geben zu können. Denn wohl hat er die Welt verlassen, (wie Antonios) aber sich selbst mit seinen inneren Leidenschaften trägt er auch in der Einsamkeit mit sich herum. Das Herrenwort weist ihm den rechten Weg. Der Geist muss zur Ruhe kommen (Hysichia) und in der Ruhe bewahrt bleiben . Die äußere Hilfe ist die „geographische" Einsamkeit die jeden Verkehr mit anderen Menschen ausschließt und die unerlässliche Ruhe garantiert:
"Diese aber ist für die Seele der Anfang der Reinigung. Was an diesem zurückgezogenen Leben getan werden muss, erkennt man aus der ständigen Erwägung der heiligen Schrift. An Josef lernt man die Keuschheit, an Hiob - Gleichmut und Starkmut, an David -Sanftmut und Versöhnungsbereitschaft, an Mose - Eifer und Gelassenheit".
Der hl. Johannes Kassian (um 330 geboren, im heutigen Rumänien) berichtet von einem Vater Moses, der immer wieder hervorhebt, dass die asketischen Übungen keinen Selbstzweck darstellen, sondern nur ein Instrumentarium des Mönchs sind, um sich in seinem Leben mehr und mehr für Gott zu öffnen. Sie sollen ihm helfen, das Herz vor Unruhe bzw. vor allen gefährlichen Leidenschaften unverletzt zu bewahren. Wenn der Mönch seine eigentliche Bestimmung im Blick behält, kann er in der Liebe vollkommen werden:
"Also stellen Fasten, Nachtwachen Schriftmeditationen, Blöße und Entbehrung allen Vermögens nicht die Vollkommenheit dar. Sie sind bloß Hilfsmittel, um die Vollkommenheit zu erlangen, weil in ihnen nicht der Endzweck jener mönchischen Kunst besteht, sondern sie helfen zum Endziel zu finden"
[...] "Das Endziel unserer Berufung [...] ist die Herrschaft Gottes oder das Himmelreich, doch unser Nahziel ist die Reinheit des Herzens, ohne die niemand an jenes Endziel gelangen kann. Das himmlische, künftige Ziel ist nicht unmittelbar erreichbar. Der Mensch kann es erst am Ende seines Lebens als Geschenk von Gott erlangen. Gegenwärtiges Nahziel kann es daher nur sein, sich in seinem Herzen schon ganz auf die endgültige Begegnung mit Gott vorzubereiten".
Das asketische Leben wird immer als Leben "nach der Schrift" verstanden. Die Heiligen des Alten Testamentes führen auf den rechten Weg: Ihre Nachahmung, genauer die den durch sie personifizierten Tugenden, ist unerlässlich. Wenn so sehr auf das vernachlässigte, schäbige Äußere des Asketen verwiesen wird, dann wird das nicht mit geistiger Freiheit begründet: es ist Ausweis der Demut, einer Tugend, die der nichtchristlichen Antike fremd war (und heute auch wieder ist), nun aber in der christlichen Vollkommenheitslehre zu einer Zentralforderung geworden ist . Symeon der Jüngere, der Theologe (949 bis 1022) wird nicht müde, von seinen Mönchen die Vorbereitung zur mystischen Aufnahme Gottes zu verlangen, in einer Reihe solcher Ermahnungen klingt unverkennbar, eine Wegweisung für a l l e Christen durch:
"Schaut, Freunde, wie schön der Herr ist [...] schließt eure Geistesaugen nicht, schaut zur Erde nicht, lasst nicht von Sorgen um die irdischen Geschäfte und um Reichtum, nicht von Ruhmgier euch beherrschen, damit ihr nicht dadurch des ewigen Lebens Licht verlasset. Wohlan, so kommt doch, Freunde, mit mir, zusammen wollen wir, nicht leiblich zwar, doch mit der Seele, mit dem Herzen, uns erheben. Anrufen wollen wir in Demut unseren Herrn, Gott, der voll Erbarmen, Gott, der gut allein. Und sicher wird er uns erhören, sicher sich erbarmen, sicher sich enthüllen, sich eröffnen und sein leuchtendes Licht uns zeigen".